20211016 Kurt Tucholsky – Das Ideal


Das Ideal

Ja, das möchste:

• Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,

• vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; • mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,

• vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –

• aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

• Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

• Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn! Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,

Radio, Zentralheizung, Vakuum,

• eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,

• eine süße Frau voller Rasse und Verve – (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,

• eine Bibliothek und drumherum • Einsamkeit und Hummelgesumm.



• Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,

• acht Autos, Motorrad – alles lenkste • natürlich selber – das wär ja gelacht!

• Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

• Ja, und das hab ich ganz vergessen:

Prima Küche – erstes Essen – alte Weine aus schönem Pokal

• und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.

• Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.

• Und noch ne Million und noch ne Million.

• Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit. • Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:

• manchmal scheint’s so, als sei es beschieden

• nur pöapö, das irdische Glück.

Immer fehlt dir irgendein Stück.

• Hast du Geld, dann hast du nicht Käten; • hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –

• hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:

• bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

• Etwas ist immer.

• Tröste dich

• Jedes Glück hat einen kleinen Stich.

• Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.

• Daß einer alles hat: das ist selten.

Theobald Tiger (Pseudonym von Kurt Tucholsky) • Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256.

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das:
close-alt close collapse comment ellipsis expand gallery heart lock menu next pinned previous reply search share star